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Thema:
Dorfkümmerer kämpfen gegen Vereinsamung
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Wenn niemand mehr klingelt: Dorfkümmerer kämpfen gegen Vereinsamung
Stand: 09.12.2025 11:13 Uhr
Viele Menschen leiden unter Einsamkeit. Immer mehr Gemeinden in Schleswig-Holstein beschäftigen deshalb sogenannte Dorfkümmerer. Sie helfen bei Alltagsproblemen, hören zu und spenden Trost.
von Johannes Tran
Wenn Maren Ruesch von ihrem Job erzählt, gerät sie ins Schwärmen. "Mit 80, 90 würde ich den noch machen", sagt sie. Seit einem Jahr arbeitet die 46-Jährige als Dorfkümmerin für die Gemeinde Schenefeld (Kreis Steinburg).
Von dort aus betreut sie insgesamt 13 Dörfer. Sie bietet im Rathaus offene Sprechstunden an, macht Hausbesuche, hilft bei kleineren Einkäufen, Arztbesuchen und Formularen. Oft vermittelt sie an andere Beratungsstellen und stellt Kontakte zu Pflegediensten oder Haushaltshilfen her.
"Die Menschen zählen auf dich", erklärt Ruesch
Ihre Klienten, so erzählt sie, sind in der Regel Senioren, viele davon alleinstehend und eingeschränkt in ihrer Mobilität. Es sind Menschen, die außer Ruesch nicht mehr viele soziale Kontakte haben. Wenn Nachbarn oder Verwandte nicht unterstützen können oder keine Zeit haben, springt die Dorfkümmerin ein.
Mehr als 600 Einsätze hat sie bereits hinter sich. "Die Menschen zählen auf dich", sagt Ruesch.
"Teilweise halten sie sich an dir fest und ziehen sich emotional wieder hoch. Das ist das, was ich für mich mitnehme."
Der Senior sagt: "Die Besuche geben mir Kraft"
Wer sie einen Vormittag lang bei ihren Hausbesuchen begleitet, versteht schnell, was die Dorfkümmerin damit meint. Herzlich begrüßt sie den Mann, der im Rollstuhl in seiner Küche in Kaisborstel auf sie wartet.
"Guten Morgen, ich bring‘ kalte Hände mit."
Ruesch lacht ausgelassen, der Mann lacht mit. Karl Abendschein hat seine Frau vor wenigen Wochen an Krebs verloren und leidet an Parkinson.
Jetzt wohnt er allein und kommt mit der Rollstuhlrampe an seiner Eingangstür nicht zurecht.
Ruesch sucht die Rechnung heraus, nimmt das Telefon in die Hand und ruft beim zuständigen Sanitätshaus an, um einen Termin zu vereinbaren.
Der Senior wirkt erleichtert. "Die Besuche geben mir ein bisschen Kraft und Hilfe", sagt er. "Wenn man so in der Einsamkeit wohnt, ist das sehr schön."
Geld für Dorfkümmerer kommt auch von der EU
Wer die Hilfe von Maren Ruesch braucht, muss nichts dafür bezahlen.
Angestellt ist sie bei der Gemeinde Schenefeld. Die wiederum erhält aktuell eine Förderung, um die Vollzeitstelle zu finanzieren.
Die Gelder dafür kommen aus verschiedenen Töpfen, darunter auch einer der EU. Für den Bürgermeister der Gemeinde, Johann Hansen (CDU), steht schon jetzt fest, dass er die Dorfkümmerin auch nach dem Auslaufen der Förderung weiterbeschäftigen möchte.
"Sie ist hier kaum noch wegzudenken aus dem täglichen Leben."
Ihre Arbeit, so erklärt der Bürgermeister, sei auch deshalb wichtig, weil sie mit Menschen in Kontakt komme, die ansonsten durchs Raster fallen würden.
Die Dorfkümmerin sei wie ein Stimmungsbarometer: "Ich sage immer, die misst mir die Wassertemperatur meiner Gemeinde."
Neue Studie zu Einsamkeit im Alter
Dass der Bedarf an Dorfkümmerern weit über Schenefeld hinaus besteht, ist Folge eines gesellschaftlichen Phänomens:
Mehr als jede fünfte Seniorin und jeder fünfte Senior ab 75 Jahren fühlen sich häufig oder hin und wieder einsam.
Das hat eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Malteser ergeben.
Das Thema ist zuletzt auch in den Blick der schleswig-holsteinischen Landesregierung gerückt: Im vergangenen Jahr hat sie dazu eine große Studie in Auftrag gegeben, deren Veröffentlichung noch aussteht.
Einsamkeit könne "besonders für ältere Menschen" ein großes Problem darstellen, sagte Sozialministerin Aminata Touré (Grüne) zum Auftakt des Forschungsprojekts.
56 Kümmerer haben sich schon vernetzt
Immer mehr Gemeinden im Land beschäftigen daher Menschen wie Maren Ruesch - viele auf Minijob-Basis, manche mit einer Vollzeitstelle.
Wie viele es in ganz Schleswig-Holstein sind, dazu gibt es keine offiziellen Zahlen, auch weil der Begriff "Dorfkümmerer" nicht genau definiert ist.
Das Interesse an dem Konzept wachse allerdings permanent, berichtet Anne Jessen.
Sie arbeitet in einer eigens eingerichteten Koordinierungsstelle, die vom Sozialministerium gefördert wird und die es sich zum Ziel gemacht hat, Dorfkümmerer in ganz Schleswig-Holstein miteinander zu vernetzen.
56 von ihnen haben sich in dem Netzwerk bereits zusammengeschlossen, sie kommen aus allen Landesteilen.
"Ich bekomme zunehmend mehr Anrufe von interessierten Gemeinden", sagt Jessen.
Versorgungslücken auf dem Land
Und der Bedarf werde in Zukunft weiter steigen, prognostiziert sie.
Das liege auch daran, dass sich Familienstrukturen grundsätzlich verändert hätten.
"Früher war es eher selbstverständlich, dass Angehörige die alten Menschen gepflegt haben. Das ist heute nicht mehr so."
Außerdem werde die Gesellschaft schnelllebiger, nicht zuletzt durch die fortschreitende Digitalisierung.
"Es gibt immer weniger Begegnungsorte, gerade im ländlichen Raum", sagt Jessen.
"Dadurch entsteht eine Lücke in der Versorgung für ältere Menschen."
Mit ihrer Koordinierungsstelle bietet sie unter anderem Fortbildungen und Workshops für Dorfkümmerer an - und arbeitet daran, das Konzept im Land bekannter zu machen.
Die Dorfkümmerin sagt: "Keiner sollte einsam sein"
Die Schenefelder Dorfkümmerin Maren Ruesch meint, am Ende zähle in ihrem Job vor allem eines: Empathie.
"Es geht um Spaß daran, anderen Menschen zu helfen."
Auch wenn sie immer wieder mit großer Einsamkeit, schwierigen Lebenslagen und Schicksalsschlägen konfrontiert werde, sei es entscheidend, mit einer positiven Grundeinstellung auf die Menschen zuzugehen.
Sie würde sich wünschen, sagt sie, dass noch viel mehr Gemeinden eine Dorfkümmerin beschäftigen würden. Ruesch sagt:
"Mein Motto ist: Miteinander statt nebeneinander. Keiner sollte allein und einsam sein."
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Quelle:
https://www.ndr.de/nachrichten/wenn-nie ... 110.html##
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